Grand Theft Childhood
5 05 2008Während ich ein paar Tage Urlaub genossen habe, kommt mir der Zwischenton mit einem Artikel zu “Grand Theft Childhood” zuvor. Danke nochmal für den Hinweis, Ben. ![]()
Grand Theft Childhood ist der Name eines Buches, welches die Ergebnisse einer mehrjährigen Studie zum Thema Computerspiele und Gewalt untersucht hat. Laut dieser Studie ist nicht Computerspielen bedenklich, sonder eher das Nichtspielen: Kinder, die kaum oder garnicht Computerspielen haben oft weniger soziale Kompetenz als ihre zockenden Altersgenossen. Dies wird damit erklärt, dass viele Spiele heutzutage gemeinsam gespielt werden. Auch wenn ich auch gegenüber dieser Studie etwas skeptisch bin (ich sehe durchaus Probleme, wenn Kinder Spiele wie GTA spielen), stimme ich in vielen Punkten durchaus zu. Gerade das gemeinsame Erleben von Computerspielen kann durchaus positive Effekte haben. Ein Interview mit der leitenden Wissenschaftlerin der Studie gibt es auf Spiegel Online.




Meiner Ansicht nach geht die Argumentation, Computerspiele hätten einen “guten” Einfluss von den gleichen, falschen Voraussetzungen aus wie jene, Computerspiele hätten einen “schlechten” Einfluss.
Computerspiele per se sind - genau wie Filme, Comics und selbst Bücher - weder gut noch schlecht. Sie sind schlicht und einfach Teil unserer Medienlandschaft. Natürlich können Medien unser Handeln beeinflussen. Aber doch nicht unbegrenzt! Der Durchschnittsmensch wird weder zum Amokläufer werden, weil er ein sogenanntes “Killerspiel” gespielt oder den Samstag-Abend-Actionfilm gesehen hat, noch wird er plötzlich zum kooperativen Übermenschen, weil er dasselbe “Killerspiel” im Coop-Modus gespielt oder denselben Actionfilm zusammen mit Freunden gesehen hat. Selbst der friedfertigste Mensch hat wohl schon dann und wann einen Thriller im Fernsehen gesehen (Wie viele Helden dürfen da ungestraft haufenweise Menschen erschießen? Hat jemand mal Leichen im letzten James Bond Film gezählt?) - und selbst der größte Egomane kann ein hervorragender Mitspieler in einem kooperativen Spiel sein (denn nur so kann er selbst gewinnen). Sprich: Medienkonsum und Verhalten im realen Leben, das dürfte in 98% der Fälle doch wohl eher die berühmte Korrelation sein, nicht ein bewiesener Kausalzusammenhang.
Wenn, auf der anderen Seite, tatsächlich Einzelne durch Medien so stark beeinflusst werden sollten, dass sie ihr Verhalten grundlegend ändern (in welcher Art auch immer!), dann sollten wir dringend darüber nachdenken, ob nicht endlich in der Schule ein Fach wie “Medienerziehung” angebracht wäre, das frühzeitig den vernünftigen und vor allem kritischen Umgang mit Medien aller Art lehrt. Denn mit der Beeinflussung der Massen durch Medien ist im Laufe der Geschichte schon viel zu viel Schindluder getrieben worden. Und außerdem: Wenn die breite Mehrheit der Menschen über die viel gelobte “Medienkompetenz” verfügen würde, bräuchten wir nicht jedesmal in kollektive Weltuntergangsstimmung auszubrechen, nur weil auf dem Markt der Unterhaltungsmedien eine neue Erfindung auftaucht.
Aber Ausbildung, mehr und besser ausgebildete Lehrer und Pädagogen - das kostet freilich mehr Zeit - und Geld - als nette, kleine Studien …